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Warum die Individualbesteuerung und die Halbierungsinitiative abgelehnt werden sollten

31. Januar 2026 – In politischen Debatten werden Reformen oft mit Schlagworten wie «Fairness», «Entlastung» oder «Modernisierung» beworben. Doch nicht jede scheinbar einfache Lösung führt langfristig zu mehr Gerechtigkeit oder Stabilität. Dies zeigt sich besonders deutlich bei der Forderung nach einer Individualbesteuerung sowie bei der sogenannten Halbierungsinitiative. 

Beide Vorhaben klingen zunächst attraktiv, bergen jedoch erhebliche Risiken für Gesellschaft, Staat und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Probleme der Individualbesteuerung

Die Individualbesteuerung sieht vor, dass Ehepaare und eingetragene Partnerschaften nicht mehr gemeinsam, sondern getrennt besteuert werden. Befürworter argumentieren, dies beseitige die sogenannte «Heiratsstrafe» und fördere die Gleichstellung. In der Praxis ist die Situation jedoch bedeutend komplexer. Erstens würde die Individualbesteuerung zahlreiche Familien finanziell benachteiligen. Besonders betroffen wären Haushalte mit einem Hauptverdiener und einem tieferen Zweiteinkommen, etwa bei Teilzeitarbeit oder Betreuungsarbeit. Diese Familien müssten mit höheren Steuerbelastungen rechnen, obwohl sie oft bereits einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Zweitens würde das System deutlich komplizierter. Der administrative Aufwand für Steuerbehörden und Steuerpflichtige würde steigen, was überdies Kosten verursacht. Nur schon der Kanton Luzern rechnet mit 40 zusätzlichen Steuerfachpersonen in den Vollzugsbehörden; Digitalisierung und KI sind dabei bereits berücksichtigt. Es gäbe jährlich zusätzliche 1.7 Mio. mehr Steuerveranlagungen, rund 2.5 Mio. mehr Steuerrechnungen. Anstatt Bürokratie abzubauen, entstünde ein noch komplexeres Steuersystem. Kein Wunder, lehnen 21 von 26 Kantonen die Individualbesteuerung ab. Das Problem der Heiratsstrafe haben sie längst gelöst: mit Teil- oder Vollsplittingmodellen oder einem Verheiratetentarif. Drittens ist auch der Gleichstellungsaspekt nicht eindeutig positiv. Zwar kann die Individualbesteuerung Anreize für eine höhere Erwerbstätigkeit schaffen, doch sie löst strukturelle Probleme wie fehlende Betreuungsangebote oder ungleiche Löhne nicht. Stattdessen verlagert sie die Verantwortung allein auf die Familien. Schliesslich behaupten die Befürworter, die Individualbesteuerung führe viele Frauen in den Arbeitsmarkt. Selbst wenn das zuträfe, wäre es nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein: Die aktuellsten Studien rechnen mit etwa 16’000 Vollzeitstellen; das entspricht nicht einmal 0.4 Prozent aller Vollzeitstellen in der Schweiz. Die Zahl der Erwerbstätigen ist ohne diese Initiative allein im 2. Quartal 2025 um genau diese 0.4 Prozent gewachsen!

Die Risiken der Halbierungsinitiative

Die Halbierungsinitiative zielt darauf ab, die Gebühren für den öffentlichen Rundfunk massiv zu senken. Auch hier steht der Wunsch nach finanzieller Entlastung im Vordergrund. Doch die Folgen wären gravierend. Ein stark reduziertes Budget würde die Qualität und Vielfalt des Medienangebots gefährden. Öffentliche Medien erfüllen eine zentrale demokratische Funktion: Sie informieren sachlich, bieten Raum für Meinungsvielfalt und erreichen auch Minderheiten und Randregionen. Mit halbierten Mitteln wären viele dieser Leistungen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Besonders betroffen wären Kultur, Bildung und regionale Berichterstattung. Lokale Themen, Minderheitensprachen und anspruchsvolle Formate geraten schnell unter Druck, wenn finanzielle Ressourcen fehlen. Statt Vielfalt entstünde ein stärker kommerziell geprägtes Angebot, das sich vor allem an Einschaltquoten orientiert. Zudem würde die Unabhängigkeit der Medien geschwächt. Sinkende Einnahmen erhöhen die Abhängigkeit von Werbung, Sponsoren oder privaten Investoren. Damit wächst das Risiko politischer oder wirtschaftlicher Einflussnahme. Eine starke Demokratie braucht jedoch unabhängige Informationsquellen. Gerade in Zeiten von Fake News und Desinformation, welche die Menschen verunsichert, ist es zwingend, dass die Inhalte vor der Veröffentlichung immer geprüft werden. Die SRG trägt stark zu unserer Informationssicherheit bei.

Kurzfristige Versprechen, langfristige Schäden

Sowohl die Individualbesteuerung als auch die Halbierungsinitiative versprechen kurzfristige Entlastungen. Doch beide vernachlässigen die langfristigen Folgen. Die Individualbesteuerung gefährdet soziale Ausgewogenheit und familiäre Solidarität und schafft ein Bürokratiemonster ohne volkswirtschaftlichen Nutzen. Die Halbierungsinitiative schwächt die mediale Grundversorgung enorm und damit eine zentrale Säule der Demokratie und käme einer Zerschlagungsinitiative gleich. Politische Reformen sollten nicht allein an einzelnen Zahlen oder populären Parolen gemessen werden. Entscheidend ist, ob sie dem Gemeinwohl dienen, Stabilität fördern und kommende Generationen berücksichtigen. In beiden Fällen überwiegen die Risiken klar die möglichen Vorteile.

Die Ablehnung der Individualbesteuerung und der Halbierungsinitiative ist kein Festhalten am Status quo aus Bequemlichkeit, sondern Ausdruck von Verantwortung. Ein gerechtes Steuersystem und starke, unabhängige Medien sind Grundpfeiler einer funktionierenden Gesellschaft. Wer sie leichtfertig schwächt, gefährdet langfristig Wohlstand, Zusammenhalt und Demokratie. Beide Vorhaben verdienen eine kritische Prüfung – und letztlich eine klare Ablehnung.

Dieser Artikel ist am 29. Januar im Seetaler Boten/Willisauer Boten erschienen.